(Übersetzung von Wilhelm Wattenbach 1892 - leicht verändert)
Buch 4, Kapitel 32
"Indes kamen die Großen Sachsens auf die Kunde vom frühzeitigen Tode ihres geliebten Herrn [Otto II. 1002] trauererfüllt zu Frosa, einem königlichen Hofe, zusammen, welchen damals Graf Gunzelin vom Kaiser zu Lehen hatte. Dort verhandelten nämlich Erzbischof Giselher von Magdeburg nebst seinen Mitbischöfen und Herzog Bernhard [von Sachsen], die Markgrafen Lothar, Eckehard [von Meißen] und Gero samt den Ersten des Reichs über Zustand des Staates. Sowie aber Markgraf Lothar merkte, daß Eckehard sich über ihn erheben wollte, rief er den Erzbischof und den angesehensten Teil der Vornehmen zu einer geheimen Unterredung hinaus, indem er allen den Rat gab, sie sollten schwören, weder gemeinschaftlich, noch jeder für sich einen Herrn und König wählen zu wollen, bevor sie nicht zu Werla zusammengekommen wären. Dies bewilligten und gelobten alle, nur Eckehard nicht. Dieser, voll Unwillens darüber, daß er in seiner Erhebung zum Throne eine, wenn auch nur geringe Verzögerung erleiden sollte, brach mit den Worten hervor: "Markgraf Lothar, warum wirkst du mir entgegen?" Jener aber erwiderte: "Merkst du nicht, daß dir das vierte Rad am Wagen fehlt?" Darum ward die Wahl unterbrochen, und so ward die Lehre der Alten bewährt, daß das Dazwischentreten einer Nacht einen Unterschied von einem ganzen Jahre machen, und dieses wieder bis zum Ende eines ganzen Menschenlebens sich hinausziehen könne.Buch 5, Kapitel 2
Hermann, Herzog von Alamannien [= Schwaben] und dem Elsaß, ein gottesfürchtiger und demütiger Mann, ergriff, von vielen, denen seine Milde gefiel, verführt, gegen Heinrich [Herzog von Bayern und Thronkandidat] die Waffen. Theoderich aber, Herzog der Liutharier, klug und kriegserfahren, wartete ruhig ab, wohin der größere und angesehenere Teil der Nation sich neigen würde. Unterdes reiste meines Vaters Bruder [der Markgraf Lothar] dessen ich oben gedacht habe, mit seinem Onkel Ricbert, den der Kaiser seiner Grafenwürde entsetzt und sie dem Liudger, einem Lehnsmann des Bischofs Arnulf [von Halberstadt], gegeben hatte, heimlich nach Bamberg, und erlangte die Gunst des Herzogs und bekam, obwohl er seinen Eid haltend noch nicht huldigte, den Liudger unangetastet ließ, doch mit Hilfe seines Neffen Heinrich Aussicht, sein Lehen zu behalten, ja dasselbe noch zu vergrößern. Auf seinen Rat sandte der Herzog einen Ritter nach der Burg Werla zu seinen Tanten, den beiden Schwestern Sophie und Adelheid, und zu allen Großen des Reichs, die damals daselbst zusammen gekommen waren. Dieser eröffnete allen Versammelten den Gegenstand seiner Sendung und versprach denen, die seinem Herrn zum Throne verhelfen würden, gar viele Belohnungen. Sofort tönte ihm von der ganzen anwesenden Menge der einstimmige Ausruf entgegen: "Heinrich werde mit Gottes Hilfe der Erbfolge gemäß das Reich regieren; sie ständen ihm zu Dienste in allem, was er wünsche." Und das bestätigten sie mit erhobener Rechten.Buch 5, Kapitel 3
Eckehard ertrug dies, weil er samt den Seinen nicht anwesend war, als dies geschah, mit verstellter Geduld, denn, wie die Schrift bezeugt, manches, was von vielen gesündigt wird, bleibt ungerächt. Als es aber Abend ward, und man den ebengenannten Herrinnen [Sophie und Adelheid zu Werla] in einem großen Hause mit Teppichen geschmückte Sitze und eine mit mancherlei Speisen reich besetzte Tafel hingestellt hatte, kam Eckehard herbei und nahm sie für sich in Beschlag, und speiste daselbst mit Bischof Arnulf und Herzog Bernhard. Denn wenn einer zugrunde gehen soll, wird sein Herz zuvor stolz, und ehe man zu Ehren kommt, muß man zuvor leiden. Dies vermehrte zunächst die Betrübnis der beiden Schwestern, dann aber setzte es die übrigen Anwesenden sehr in Erbitterung, und wieder entbrannte gegen Eckehard der lange verborgene Haß, der jetzt leider schnell zum Ziele kommen sollte. [Er wurde wenig später nachts in der Pfalz Pöhlde überfallen und getötet]."