Hofansicht ueber Minarett

Die Freitagsmoschee von Samarra - ein islamisches Weltwunder im Irak

Die für über ein Jahrtausend größte Moschee der Welt entstand in relativ kurzer Bauzeit 849/50. Die Kalifen - zugleich weltliches und geistliches Oberhaupt des Islam - hatten die Hauptstadt von Bagdad an den oberen Tigris verlegt, weil sie sich dort trotz ihrer starken türkischen Leibgarde nicht mehr sicher fühlten. Zugleich förderte der Herrscher in altpersischer wie antiker Tradition Künste und Wissenschaften. Sein Reich umfasste (ohne das selbständige Spanien) das südliche Mittelmeer ab Tunesien über den Vorderen Orient bis Nordindien.

Die "Lagermoschee" von Samarra wirkt von außen wie eine Festung. Die Außenwände waren im persischen Stil mit halbrunden Türmchen verstärkt und vermutlich mit Stufenzinnen bekrönt. Das Gebäude fasste auf etwa 240 x 160 m (3.8 ha) maximal 60,000 Beter. Ausnahmsweise war der Hof nicht quadratisch, weil das Gebäude ein harmonisches Rechteck im Verhältnis 2:3 bildet. Mitten darin diente der antike Schalenbrunnen von 3.8 m Durchmesser zum Waschen vor dem Gebet. Eine unterirdische Zuleitung sorgte für die notwendigen Wassermengen. Ein ähnliches oder dasselbe Becken steht heute in Bagdad im Hof des Abbasidenpalasts. Ein späterer Kalif begann nämlich diesen Sitz 1198, kurz bevor er in Samarra eine andere Moschee (heute unter der Goldkuppel) umbaute. Auch mit übereinander montierten antiken Marmorsäulen an den Kanten geschmückt waren sämtliche verschwundenen Pfeiler der Großen Moschee von Samarra. Sie trugen am ehesten Spitzbögen. Den Putz muss man sich ähnlich wie bei den umgebenden Herrscherpalästen bunt und prächtig verziert vorstellen. Quer darüber lag auf indischen Teakholzbalken das flache, sorgfältig entwässerte Dach. Die Nebengebäude der Moschee umschlossen eine weite äußere Mauer (16 ha, vgl. den Survey von Alastair Northedge).

Gegenüber der Gebetsnische in Richtung Mekka stand außerhalb mittig im Norden das über 50 m hohe Minarett. Es heisst auch "Malwiya" (d. h. Schnecke) wegen seiner spiralförmigen Treppenrampe. Zuoberst führte eine kurze Treppe bis unter einen hölzernen Pavillon. Diese Bauweise griff einerseits antike Vorbilder wie den altorientalischen Tempelturm auf, andererseits war die Spiralrampe bei 2.3 Meter gleichbleibender Breite bequem mit einem Esel zugänglich. Ein späterer Geschichtsschreiber berichtet, wie der Bauherr, Kalif (Dschafar) Al-Mutawakkil (847-61), diesen Weg zurücklegte, um die Gläubigen höchstpersönlich zum Gebet zu rufen. Kurz nach der Fertigstellung verlegte er aus Sicherheitsgründen seine Residenz einige Kilometer nach Norden und begann eine ähnliche, aber etwas kleinere Moschee "Abu-Dulaf". Bei seiner Ermordung war sie noch nicht ganz fertig. Eine dritte Moschee vermittelt heute den besten Eindruck vom damaligen Aussehen der vollendeten Freitags- oder Soldatenmoschee in Samarra: bei Kairo errichtete 876-9 Ibn-Tulun, aus Samarra entsandter Statthalter des Kalifen, dieses abermals verkleinerte Vergleichsbeispiel.

Die Residenz wurde schon 883 wieder verlassen. Spätere Generationen bestaunten das Riesenbauwerk selbst nach Brandschäden durch Blitzschlag und Verfall um die Jahrtausendwende. Erst danach wurde die Ruine ihrer wertvollsten Materialien beraubt.

VRML-Welt
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